Lukas Spinner zu Gast im Sweetdale Camp

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Written by  Published in: AYOBA Life Stories

AYOBA  AUF  SWEETDALE

Faszinierend ist es, auf Roland und Sibylles 124ha-Grundstück herumzuwandern. In den Hügeln Südafrikas, von einem Fluss durchzogen, liegt diese ehemalige Bananenfarm südlich von Durban nicht weit vom Meer. Hier haben Wengers ein unglaubliches Übungsgelände eingerichtet. 180 Jugendliche haben in Schlafzelten Platz. Ein Stab von 39 Mitarbeitern – lauter Schwarzafrikaner -  halten den Betrieb aufrecht: Handwerker, Köchinnen, Servierhilfen, Gruppenleiter, Lehrende, Bürokräfte bis zu den Vizedirektoren. Meist eine Woche lang werden hier Schulklassen trainiert; ein überaus begehrtes Angebot, benützt weit herum: bis von Sambia kommen die Schüler und Schülerinnen.

Eine hervorragende Einrichtung ist das. Aber sie kostet ihr Geld. Arme Schulen können sich das nicht leisten, Waisenkinder schon gar nicht. So kam AYOBA zustande. Der Verein ermöglicht es, Schulen mit hohen Prozentsätzen von Waisen an einer solchen Woche teilzunehmen. So hat es angefangen, aber es geht wesentlich weiter.

Ein zweites Mal habe ich dieses Camp besucht – anfangs Dezember 2015. Ein paar Eindrücke seien notiert.

  1. Da sind einmal die Gründer, die Meilemer Roland und Sibylle Wenger, die mit grossem Enthusiasmus, mit unendlicher Exaktheit und enormem Einsatz diese Arbeit vorantreiben. Ohne sich selbst einen Lohn zu bezahlen, ermöglichen sie vielen anderen Menschen ein Einkommen, das wiederum andere ernährt. Manch einem jungen Afrikaner geben sie so eine Zukunft und stundenlang könnten sie aus dem Leben der Jungen erzählen.

  2. Die meisten der Mitarbeitenden sind selbst Waisen; wenn sie Sibylle „Mam“ nennen, schwingt Respekt mit, aber wohl auch die Nähe zum Wort „Mum“. Denn im Sweetdale haben manche eine neue Familie gefunden. Und sie arbeiten mit Begeisterung, lachend, ermunternd, lernend und lehrend.

  3. Diesmal schaue ich einer Taubstummen-Klasse zu, die zwar nicht von AYOBA, aber aus dem Überfluss der Einnahmen von reicheren Schulen finanziert wird (die Woche kostet der Klasse nichts). Was ich zu sehen bekomme, von der Ankunft bis zum feierlichen Abschied, ist unglaublich berührend. Die Freude dieser Jungen an den Leitern, den Aufgaben, ihren Erfolgen ist den Gebärden anzusehen.

  4. Hygiene wird gross geschrieben, Ordnung auch; manches ist den Kindern neu. Aber sie lernen schnell und die Instruktoren helfen mit Bildern und einfach zu fassenden Merkpunkten. Bei allem, was man tut, ist zu überlegen: Ist es „noble“, „helpful“ und „good“.

  5. In den Übungen geht es um Mut, um Ideenreichtum, Zusammenarbeit, Führung, Zuhören und Ausdauer. An zwei Seilen z.B. hängen vier Balken in immer grösseren Abständen übereinander, der letzte kaum zu erreichen vom vorletzten aus. Ein Bursche und ein Mädchen helfen sich gegenseitig auf dem schwankenden Gestell, um ganz hinaufzukommen. Gespannt schauen die restlichen zu. Und dann wird gesprochen (diesmal in Gebärdensprache), um das Erlebte als Symbol des Lebens überhaupt zu verstehen. „Jakobsleiter“ hiess das. Schliesslich werden  die blau behemdeten Guides ja auch „Blue Angels“ genannt.

  6. Oder Unterricht gibt es unter dem Dach: wie Hühner aufgezogen und verkauft werden. Aufmerksam verfolgen die Kinder, was ihnen erläutert wird: wenn drei zusammen einen Hühnerstall betreiben, können sie 14 Menschen ernähren. Das gibt Hoffnung auf die Zukunft. Ein Vorzeigestall samt Hühnern steht gleich nebenan. So lernt man in der Praxis. Und die Klasse bekommt nach der Woche Hühner geschenkt, damit sie, begleitet von ihren Lehrerinnen, zu arbeiten beginnen kann.

  7. An einem andern Ort wird Unterricht erteilt über den Anbau und den Verkauf von Moringa, einer auch bei uns sehr begehrten (und teuer bezahlten) Heilpflanze, die wahre Wunder wirkt. Wo früher Bananstauden wuchsen, wachsen nun auf dem Camp Moringa-Bäumchen. Das steckt die Jugendlichen an, zuhause Ähnliches zu versuchen. Für Desinfektion und Vertrieb übernimmt Sweetdale bis auf weiteres die Verantwortung.

  8. Karriereplanung ist eine weitere Station. Ein Knabe zeigt mir sein Heft, in das er seine Fähigkeiten und seine Wünsche notiert hat. Taxifahrer möchte er werden. Visionen für die Zukunft zu haben ist entscheidend. Aber sie müssen realistisch sein. Da sind geschulte Begleiter eine grosse Hilfe. Beim Lagerfeuer, von Finsternis umgeben, wird über das eigene Leben, über Vergangenheit und Zukunft jedes einzelnen nachgedacht.

Weder Sweetdale Camp noch AYOBA können die Probleme Südafrikas lösen. Aber sie setzen sich ein, an einem Ort exemplarische Arbeit zu leisten. Wie sagt Roland Wenger gern: wir sind bloss eine kleine Mücke, aber die kann einen ganz schön auf Trab halten in einer Nacht. – AYOBA macht es möglich, Jugendlichen mit schlechten Chancen eine Zukunft im Wettbewerb zu eröffnen. Was die Kinder hier lernen, was sie an Anregung und Begleitung mitbekommen, werden sie nicht vergessen – ein Leben lang nicht.

Wengers stossen vieles an, leiten alles umsichtig. Aber – und das beeindruckt mich sehr – sie versuchen immer wieder, sich selbst entbehrlich zu machen. Denn die Idee von Sweetdale soll einmal auch ohne sie weiter bestehen.

Lukas Spinner, 13.12.2015

Read 1721 times Last modified on Montag, 21 Dezember 2015 15:32

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