Die lange Nacht der Neuausrichtung Teil 1

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Written by  Published in: AYOBA Life Stories

Die lange Nacht der Neuausrichtung 1

An diesem Morgen stehen wir am Beginn des Take Off Camps. Zunächst gilt es aber auf die Ankunft der Jugendlichen zu warten. Das Einzugsgebiet bezieht sich auf die Region Ixopo und die Highflats, was bedeutet, dass es mehr Organisation und Logistik benötigt, die Teilnehmer von den verschiedenen Sammelpunkten abzuholen. Auf dem Camp treffen in Abständen von 20 – 30 Minuten immer wieder kleine Gruppen von 10 – 15 Jugendlichen ein. Hier wird der afrikanische Way of Life spürbar. Alles ist entspannt, man harrt gutgelaunt der Dinge die da kommen, aber bestens organisiert und bereit, am Nachmittag 120 Teilnehmer zuerst mit einem Mittagessen zu versorgen und dann in die ersten Aktivitäten zu führen. Wahrscheinlich sind die wenigen Europäer vor Ort (J) diejenigen die am ungeduldigsten und gespanntesten sind.

Nachdem die Gruppe vollzählig ist wird nach dem Mittagessen die Gruppeneinteilung gemacht. Es werden 10 Gruppen gebildet, welche über die Woche zusammenbleibt. Bei der Aufteilung wird darauf geachtet, dass diejenigen die sich schon kennen, nicht zusammenbleiben. Es geht darum neue Kontakte zu knüpfen und aus der Komfortzone herauszukommen. Komfortzone klingt für unsere Ohren etwas eigenartig, erleben diese Jugendlichen keinerlei Komfort. Dennoch besteht die Gefahr im Sinne eines Status quo zu verharren und die eigene Situation als gegeben hinzunehmen und sich nicht daraus hinaus zu entwickeln.

Für die Nachmittagsaktivitäten müssen die Jugendlichen einen aufgeblasenen Ballon mit sich herum tragen, sinnbildlich für ein Baby, dem sie Sorge tragen müssen. Es besteht die Aufgabe, diesen Ballon unversehrt durch die Aktivitäten des Nachmittages und der Nacht zu bringen. Thematisch wird dies mit der Vorstellung einer unverhofften Schwangerschaft verknüpft und was dieses Ereignis in der jetzigen Situation für die jungen Frauen und Männer bedeutet. Dies wird nach den Aktivitäten auch thematisch aufgenommen. Die Aktivitäten stehen für die Herausforderungen welche das Leben bietet, Neues beginnen dafür Altes loslassen, an die eigenen Kräfte glauben, vorwärts gehen und ein Ziel vor Augen haben.

Das Thema einer frühen Schwangerschaft oder HIV und andere Infektionen werden entsprechend besprochen. Was es zu beachten gibt, wenn die Jugendlichen unbedacht Sex mit einem ersten Freund oder einer ersten Freundin haben. Sie reagieren verhalten auf die Fragen des Instruktors, der ihnen anschaulich aufzeigt, welche Probleme damit verbunden sind. Es ist aber durchaus erkennbar, dass viel in den Köpfen vorgeht.

Am Abend müssen sich die Waisen auf eine lange Nacht vorbereiten. Es gilt gemeinsam in der Gruppe das Nachtessen draussen im Busch zu kochen. Als Steigerung zum Click Camp wird die ganze Nacht draussen in der Dunkelheit verbracht und die einzelnen der jetzt 6 Gruppen müssen sich einen Schlafunterschlupf bauen. Zudem müssen sich die Einzelnen nach dem Abendessen einen Platz für sich alleine suchen und Gedanken zur Vergangenheit, zur Gegenwart und der Zukunft, ihren Stärken und Schwächen machen.
Die einzelnen Gruppen setzen sich zusätzlich mit verschiedenen Themen wie Alkohol, Drogen Gruppendruck, Teenager Schwangerschaft, HIV, Arbeitslosigkeit und Armut auseinander. Auf diese Themen wird während des Verlaufs des Camps immer wieder Bezug genommen.

Bei der Aufgabenstellung und beim Start der Aufgabe wird spürbar, wie viel Angst die Jugendlichen vor der Dunkelheit und der Nacht haben. Diese Art der Aktivität, das Alleinsein, aber auch die gemeinschaftlichen Gespräche in der Gruppe sind Teil des Konzeptes, bis auf das äusserste gefordert zu werden und gleichzeitig den Support der Gruppe zu spüren, neue Zukunft gerichtete Ziele zu formulieren und die Vergangenheit als solche hinter sich zu lassen. Beim Besuch der einzelnen Gruppen spüren wir die Ernsthaftigkeit mit der die Waisen sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und einen weiteren vertieften Schritt machen, sich unabhängig von ihrem Schicksal zu machen. Es fliessen dabei Tränen, es wird gelacht, leise nachgedacht und laut zu den genannten Themen diskutiert.

Im Unterschied zum ersten Camp ist der Prozess spürbar, den diese jungen Menschen während des Programmes durchlaufen. Aus den scheuen, zurückgezogenen Kindern am Anfang sind wache, junge Menschen geworden, die sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen und exponieren, Bezüge herstellen zu dem was mit ihnen bisher geschehen ist und die Chance auf eine Neuausrichtung anpacken und bisher die Schule nicht verlassen haben, sondern die Highschool beenden werden.

Begleitet sind die Jugendlichen von den Caregivern der verschiedenen Drop In’s des Ziphakamise Netzwerkes und dem Emseni Waisencenter, die auch an dem Camp teilnehmen. Diese Frauen und Männer sind teilweise noch nie aus der Umgebung „ihres“ Drop In weggekommen. Sie durchlaufen für sich selber ebenfalls die verschiedenen Stufen der Auseinandersetzung ihres Seins und möchten die praktischen Inhalte zur Hühnerzucht und dem Gemüseanbau, etc. vermittelt bekommen. Das Yes Programm unterstützt dies unbedingt, denn diese freiwilligen Caregiver sind eine wichtige Stütze des Programms vor Ort, damit es mehr und mehr in der Umgebung und der Bevölkerung eingebettet wird, eine Vorbildfunktion für viele andere darstellt und somit an Nachhaltigkeit gewinnt. Das Ziphakamise ayoba – YES Programm ist gleichermassen wie die finanziellen Spenden von den Mitgliedern und Gönnern auf die strukturelle Unterstützung der kirchlichen, sozialen und politischen Behörden angewiesen. Neben dem direkten Support der Aids Waisen ist im vergangenen Jahr ein starker Zusammenhalt von Menschen im Netzwerk entstanden, die zwar selber nicht viel haben, aber dennoch viel geben.

Somit kann sich der Verein ayoba auf die Sicherstellung des Bildungsprogrammes konzentrieren, denn die Grundbedürfnisse von Nahrung, ein Dach über dem Kopf und Zuwendung sind nun Dank der Arbeit des vergangenen Jahres auf einem minimalen Level gewährleistet. Neben den Grundbedürfnissen braucht es „Education, Education, Education“ um damit die Aussage eines Südafrikaners in einer Talkshow zum Thema Kehrtwende aus der bitteren Armut und Vernachlässigung einer ganzen jungen Generation zu wiederholen. Und damit sind wir alle mit unserem Engagement genau richtig.

 

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